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Vorrede des Herausgebers zur zweiten Auflage.

In seinem vor Notar und Zeugen zu Frankfurt a. M. am 26. Juni 1852 errichteten Testamente hat mir Arthur Schopenhauer seine wissenschaftlichen Manuscripte, alle mit Papier durchschossenen Exemplare seiner Werke, alle Werke und Schriften Kant's aus seiner Bibliothek, Kant's Büste, seine Brustnadel mit dem Smaragd, endlich das Verlagsrecht zu allen ferneren Auflagen aller seiner Schriften, als auf welches alle seine Verleger in ihren Contracten förmlich verzichtet haben, vermacht.

Durch die Manuscripte und die mit Papier durchschoffenen Exemplare seiner Werke hat mich Schopenhauer in den Stand gesetzt, fernere Auflagen derselben mit denjenigen Verbesserungen und Zusäten herauszugeben, die er selbst für solche bestimmt hat. Schopenhauer pflegte nämlich, so oft ein Werk von ihm oder eine neue Auflage eines solchen erschienen war, alsbald ein Exemplar desselben mit Papier durchschießen zu lassen und auf die Blätter desselben nach und nach diejenigen Zusätze und Verbesserungen einzutragen, die er alsdann, beim Herausgeben einer neuen Auflage, benutte. So besitze ich solche mit Papier durchschoffene Exemplare von allen seinen Werken und von allen noch von ihm selbst besorgten Auflagen derselben, mit Ausnahme der zweiten Auflage der beiden Grundprobleme der Ethik“, deren Erscheinen mit seinem Tode zusammenfiel.

Die in denselben befindlichen Zusäge sind von zweierlei Art. Es find theils zu bestimmten Stellen des Textes neu hinzugeschriebene, theils aus seinen hinterlassenen Manuscripten, mit Angabe des Titels und der Seitenzahl, wo sie in denselben zu finden, citirte Stellen.

Ueber diese Manuscripte muß ich hier so viel, als zum Verständniß der abzulegenden Rechenschaft nöthig ist, sagen. Schopenhauer hat fortlaufende Jahrbücher seiner Gedanken und Forschungen hinterlassen, die einen Einblick in seine ganze geistige Arbeit seit 1812 in Berlin bis zu seinem Tode 1860 in Frankfurt am Main gcwähren. Diese Jahrbücher, über deren reichen Inhalt zwei alpha-' betisch geordnete Repertorienbücher Auskunft geben und zugleich ein Zeugniß für Schopenhauer's Ordnungssinn ablegen, zerfallen in zwei Abtheilungen. Die eine zeigt uns den werdenden Schopenhauer, in welchem die Welt als Wille und Vorstellung" noch zum Durchbruch ringt, die andere den gewordenen, in welchem sie bereits zum Durchbruch gekommen ist.

Auch äußerlich unterscheiden sich diese beiden Abtheilungen, indem die Manuscripte der ersten aus losen, mit Buchstaben und Zahlen bezeichneten Bogen, die sich in Cartons befinden, bestehen, die der zweiten hingegen aus eingebundenen, mit Titeln und Seitenzahlen versehenen Büchern in verschiedenem Format. Beigeschte Orts- und Zeitangaben lassen in beiden ersehen, wo und wann sie geschrieben sind.

Diese Manuscripte enthalten nicht ein fortlaufendes System, noch auch ununterbrochene Abhandlungen, sondern einzelne Gedanken, Anschauungen, Notizen, Betrachtungen, mitunter auch Entwürfe zu Abhandlungen. Sie stehen, bald länger, bald kürzer, über die verschiedensten Gegenstände handelnd, bunt durch einander, nur durch Striche von einander gesondert. Schopenhauer hat in ihnen zunächst für sich Das niedergelegt, was ihn die Jahre hindurch im Geiste beschäftigt hat, noch ohne zu wissen

welchen Gebrauch er einst davon machen würde. Aber obgleich zunächst nur für ihn selbst niedergeschrieben, bilden diese Manuscripte doch die Vorrathskammer, aus der er fort und fort seine im Druck erschienenen Werke und die noch bei seinen Lebenszeiten erschienenen Auflagen derselben gespeist hat. Ein großer Theil ihres reichen und mannigfaltigen Inhalts ist schon für dieselben verbraucht und deshalb mit Bleistift durchstrichen; aber noch ist ein beträchtlicher Theil unverbraucht übrig geblieben, und eben aus diesem unverbrauchten Theile hat Schopenhauer in den mir vermachten, mit Papier durchschossenen Exemplaren seiner Werke diejenigen Stellen citirt (nicht excerpirt), die, wie ich oben gesagt, zusammen mit den neu hinzugeschriebenen Stellen die von ihm für die ferneren Auflagen bestimmten Zufäße bilden.

In dem mit Papier durchschossenen Exemplare der „Parerga und Paralipomena“ nun, aus welchem die vorliegende zweite Auflage derselben hervorgegangen, bilden zwar die neu hinzugeschriebenen Stellen die Mehrzahl und die Citate aus den Manuscripten die Minderzahl, aber doch sind auch die letztern im Ganzen genommen sehr zahlreich, und zwar sind sie nur aus den Manuscripten der zweiten Abtheilung geschöpft, denen Schopenhauer folgende eigenthümliche Titel gegeben:

1) Reisebuch,

2) Foliant,

3) Brieftasche,

4) Quartant,

5) Adversaria,

6) Cholerabuch (d. h. auf der Flucht vor der Cho

lera geschrieben),

7) Cogitata,

8) Pandektä,

9) Spicilegia,

10) Senilia.

Ein wie objektiver Denker Schopenhauer war und wie ihn überall hin seine Philosopheme begleiteten, geht, beiläufig gesagt, daraus hervor, daß selbst diejenigen dieser Manuscripte, die, wie das Reisebuch“ und die „Brieftasche“, einen zu seiner Person und seinen Erlebnissen in näherer Beziehung stehenden Inhalt vermuthen lassen, doch überwiegend nur die philosophischen Gedanken und Betrachtungen enthalten, die ihn auf seinen Reisen beschäftigt haben.

Die beiden erwähnten Arten von Zufäßen, welche Schopenhauer zu dieser zweiten Auflage der Parerga gemacht, haben von ihm keine gleiche Behandlung erfahren. Während nämlich in seinem mit Papier durchschoffenen Exemplare die neu hinzugeschriebenen Stellen fertig ausgearbeitet, ja sogar gebessert und gefeilt sind, so sind die citirten Manuscriptstellen nur mit Verweisung auf den Band und die Seite, wo sie zu finden, citirt, nicht ausgezogen; ferner, während erstere meist genau mit Zeichen. für die Stellen im Texte, wo sie einzufügen, versehen sind nur eine geringe Anzahl derselben ist unbezeichnet geblieben, oder nur durch ein hinzugefügtes ,,alicubi" oder „Irgendwo“ als einzufügend zu erkennen gegeben; so sind umgekehrt die lcztern meist unbezeichnet gelassen, sind nur im Allgemeinen zu dem Kapitel, zu dem Paragraphen oder zu der Seite, wozu sie gehören, citirt, und nur äußerst wenige sind an den Ort gesezt, wo sie einzufügen.

Es geht hieraus hervor, daß Schopenhauer die von ihm für diese zweite Auflage bestimmten Zufäße nur zum Theil, wenn auch zum größern Theil, selbst redigirt, zum Theil hingegen unredigirt hinterlassen hat.

Ich bin nun bei der Redaction dieses letztern Theiles im Allgemeinen so verfahren, daß ich die Zusätze, mochten es fertig hinzugeschriebene, oder aus den Manuscripten citirte sein, nur dann in den Text aufgenommen habe, wenn ich nach reiflicher

Erwägung einen Ort für sie fand, wo sie nicht bloß ihrem Inhalt, sondern auch der Form, d. i. der Diction nach, ungezwungen hineinpaßten; in allen andern Fällen hingegen, wo entweder die strenge Gedankenfolge, oder der wohlgefügte Satbau des Textes ihre Aufnahme in denselben nicht zuließ, habe ich sie an der geeignetsten Stelle entweder als Anmerkungen unter, oder als Anhänge hinter den Text gesetzt.

Zu diesem Verfahren hat mich folgende Erwägung bestimmt. Schopenhauer's Absicht war es offenbar, alles Zusammengehörige an einer Stelle beisammen zu haben. Eine völlige Aussonderung und abgesonderte Zusammenstellung seiner zu dieser Auflage gemachten Zusäße, die freilich dem Leser einen sofortigen Ueberblick über dieselben gewährt hätte, wäre seiner Intention zuwider gewesen. Hat er doch den größten Theil derfelben, die fertig hingeschriebenen Stellen, schon selbst redigirt und an den Ort gebracht, wo sie hingehören. Also mußte auch mit dem andern Theile, mit den unbezeichnet gelassenen Zufäßen und citirten Manuscriptstellen eben so verfahren werden. Nun würde Schopen= hauer selbst, wenn er diese Auflage noch hätte besorgen können, gewiß denselben freien Gebrauch von ihnen gemacht haben, wie bei den von ihm selbst besorgten neuen Auflagen seiner andern Werke. Er würde nämlich, wo es ging, und so wie es am besten ging, sie in den Text hinein verarbeitet, sonst aber sie weggelassen haben. So hat er es nämlich, wie ich mich aus seinen mit Papier durchschossenen Exemplaren überzeugt habe, damit gehalten. Mir hingegen, der ich nicht Bearbeiter, sondern nur Herausgeber und Redakteur des von ihm hinterlassenen Stoffes bin, stand ein solches freies Verfahren nicht zu. Ich durfte mir weder Aenderungen, noch eine Auswahl aus den von ihm unredigirt gebliebenen Zufäßen erlauben. Andererseits war ich aber auch nicht befugt, dieselben, so wie ich fie vorfand, in den Text aufzunehmen, ohne zu prüfen, ob sie

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